Der Frauen-Gutenachtbus – Engagement für Würde und auf Augenhöhe
Winter in der Stadt – für die meisten von uns heißt das: Martinszüge, Weihnachtsmärkte, Besinnlichkeit, Geschenke und Neujahrseuphorie mit edlen Vorsätzen wie mehr Sport zu treiben, das Rauchen aufgeben oder im Job für Goldgräberstimmung zu sorgen. Für viele Menschen zählen allerdings andere Bedürfnisse zu den Hauptprioritäten. Ihnen sind in erster Linie Essen, Unversehrtheit, Hygiene, warme und trockene Nächte, Sicherheit und Orientierung sehr wichtig. Kurzum: Es geht ums Überleben und um Würde. Für den Großteil der Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit, für obdachlose Menschen in der Stadt oft nur denkbar durch Initiativen wie den „Gutenachtbus“.
Eine echte Düsseldorfer Initiative
Der Gutenachtbus ist eine Düsseldorfer Initiative des Vereins vision:teilen und bietet seit 2011 mobile Hilfe für obdachlose und in Not und Armut geratene Menschen. Der Sitz des Projektes befindet sich in der Harffstraße in Wersten. Dort parken auch die Busse und es gibt ein großes Lager, in dem zu verteilende Materialien gesammelt und vorbereitet werden. Spenden können nach kurzer vorheriger Kontaktaufnahme abgegeben und logistisch eingeplant werden. Die Unterstützung fällt vielseitig aus: In erster Linie geht es darum, Menschen dort unter die Arme zu greifen, wo sie finanzielle, mentale, logistische-, oder gesundheitliche Probleme haben, die dazu führen, dass sie die eigene Versorgung mit den grundlegenden Bestandteilen des Alltags nicht sicherstellen können. Konkret bedeutet das, dass der Bus das ganze Jahr über von montags bis freitags nachts von 22 Uhr bis nach Mitternacht unterwegs ist und verlässlich eine Anlaufstelle für Bedürftige bietet. Zunächst werden die Busse im Lager bepackt. Anschließend fahren sie zuerst zum Grabbeplatz in der Düsseldorfer Altstadt und danach zum Immermannhof in direkter Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs.
Kleidung, Essen und vor allem Würde
An beiden Orten bietet sich die Gelegenheit, warme Mahlzeiten, Getränke, Kleidung, Hygieneartikel und weitere Hilfen zu erhalten, nicht selten jahreszeitenspezifisch. Auch die immaterielle Unterstützung verbessert die Lebenssituation vieler Menschen. Sie können Rat zu profanen Alltagsfragen in Anspruch nehmen und bekommen Hinweise zu Notschlafplätzen. Manchmal ergeben sich sogar Gelegenheiten, um Arbeit zu finden oder Informationen zu Suchtprävention und -rehabilitation zu erhalten. Für einen Großteil der Menschen bedeutet der Gutenachtbus aber auch schlichtweg Anbindung. Er bietet eine gewisse Struktur durch regelmäßige Termine, die Möglichkeit, sich in friedlicher Atmosphäre und auf Augenhöhe zu unterhalten, bekannte Gesichter an bekannten Orten zu sehen, oder sich einfach mal ein wenig Ärger von der Seele zu reden. Eben auch bei Menschen, die zwar nicht ihr Schicksal teilen, aber trotzdem zuhören, sie wahrnehmen. Aufmerksamkeit statt Be- oder Abwertung. Hier spielt die zugewandte, offene, tolerante und fürsorgliche Art der vielen Freiwilligen eine entscheidende Rolle, denn sie sorgen dafür, dass die Menschen sich am Ende des Tages ihrer Würde bewusst werden.
Ein Drittel der Obdachlosen sind Frauen
Ein weiteres Projekt des Gutenachtbusses ist der Frauenbus. Dieser ist aus der dringenden Notwendigkeit heraus entstanden, notleidenden Frauen schneller und effektiver zu helfen. Nur den wenigsten ist bewusst, dass mittlerweile mehr als ein Drittel der obdachlosen Menschen Frauen sind. Entsprechend ergeben sich spezifischere Bedürfnisse, denn die meisten obdachlosen Frauen leben verdeckt in Armut. Scham und Angst spielen dabei eine Rolle, machen das Helfen aber auch komplexer. Der Frauenbus ist an vereinzelten Terminen, meist zweimal im Monat, zusammen mit dem Gutenachtbus unterwegs. Er ist eine Anlaufstelle speziell für obdachlose Frauen und wird deshalb ausschließlich von Frauen begleitet. Das Projekt zeugt vom Fingerspitzengefühl der Initiative für die Belange von Menschen, die in Armut leben. Da der größte Teil der obdachlosen Klienten des Nachtbusses in der Regel aus Männern besteht, ergab sich die Notwendigkeit, einen Ort und eine Atmosphäre zu schaffen, in der die nötige Sensibilität besteht und in der die für Frauen notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Um einen diskreten Umgang mit Themen wie Hygiene, Intimität, Sicherheit, Wundversorgung oder Abhängigkeit zu ermöglichen, steht der Frauenbus meist ein ganzes Stück vom Gutenachtbus entfernt. Durch das Engagement der Helfenden fühlen sich die Frauen, im Gegensatz zu vielen anderen Phasen ihres Alltags, gehört und verstanden.
„Keine bösen Menschen, keine Penner“
Den Erfolg, die Wirkung und den Stellenwert des Gutenachtbusses versteht man erst so richtig, wenn man Betroffene fragt.
Die 39-jährige Transfrau Sibel lebt seit vielen Jahren auf der Straße. Die examinierte Altenpflegerin war vor langer Zeit ihrem damaligen Partner zuliebe nach Düsseldorf gezogen. Weil er es lange geschickt im Hintergrund verdeckt hielt, bemerkte sie erst, als sie selbst mittendrin steckte, dass er sein Geld mit Drogen und Prostitution verdiente. Auch sie war lange drogensüchtig, verlor ihr Erspartes, ihren Job und den Kontakt zu Freunden und Familie. Infolgedessen war die Prostitution ihre Überlebenschance. Auch, weil sich dadurch gelegentlich die Chance bietet, bei Freiern zu übernachten. Doch Sibel berichtet auch von Gefahren: „Es gibt keine typischen Freier, es ist alles dabei, vom Geschäftsmann bis zum Süchtigen. Manche werden sogar von ihren Ehefrauen vorbeigebracht und abgeholt, andere sind gewaltbereit. Ich selbst wurde schon geschlagen und vergewaltigt.“ Mittlerweile ist sie im Methadonprogramm und versucht, sich mithilfe von Beratungsangeboten und eigener Kraft zu rehabilitieren. Trotz ihrer harten Lebensrealität strahlt Sibel hohe Energie, Offenheit und Optimismus aus. „Wir sind keine bösen oder schlechten Menschen, keine Penner. Wir leben einfach auf der Straße und manche müssen Drogen nehmen, um das auszuhalten, andere sind oder werden depressiv. Und man freut sich über jede Hilfe. Ohne den Gutenachtbus würden viele nicht überleben.“
Traumata machen eigenständiges Wohnen unmöglich
Auch die Anfang 40-jährige Bettina kommt regelmäßig zum Gutenachtbus in der Altstadt. Als Kind hat sie herbe Gewalt erlebt und leidet bis heute unter den Folgen des Traumas in Form von psychischen Problemen, wie Angststörungen und Panikattacken. Auslöser sind zum Beispiel das Alleinsein oder harsche, lautstarke Konfrontationen mit anderen Menschen. Das macht es ihr schier unmöglich, einer geregelten Arbeit nachzugehen oder gar Verantwortung für eine eigene Wohnung zu übernehmen. Aktuell sucht sie Obhut in der Notschlafstelle und wartet auf einen Platz zur Traumabewältigung, um endlich wieder in der Lage sein zu können, einer geregelten Tagesstruktur zu folgen. Auch wird der Gutenachtbus zum wichtigen Puzzleteil: „Das ist immer schön hier. Es gibt was Warmes zu essen und zu trinken. Man sieht Leute, die man schon kennt und man hat so eine feste Sache, auf die man sich freuen kann.“
Heilsame Wirkung des Miteinanders
Waltraut, ein wahres Original, in Düsseldorf geboren und aufgewachsen, besucht mit Mitte 60 regelmäßig den Gutenachtbus, obwohl sie nach eigener Aussage „nicht im klassischen Sinne bedürftig“ ist. Sie schätzt die gute Arbeit des Gutenachtbusses sehr. Dabei geht es ihr nicht um etwas Materielles. „Ich musste für einige Zeit aus Düsseldorf wegziehen. Als ich zurückkam, hatte sich die Stadt sehr verändert. Der Konsum und die Völlerei, das Auftreten des Partyvolks hier in der Stadt und das Wohnen – mit vielem konnte ich dann einfach nichts mehr anfangen. Hier beim Gutenachtbus fühle ich mich noch angebunden. Natürlich spielen hier draußen auch Drogen eine Rolle, bedroht gefühlt habe ich mich hier aber noch nicht. Die Leute sind überwiegend zuvorkommend, ich spüre hier eine große Dankbarkeit.“
Freiwilliges Engagement
Eines steht fest: Ohne das enorme Engagement vieler passionierter und empathischer Ehrenamtlicher, die mit Herzblut bei der Sache sind, wäre das ganze Projekt nicht regelmäßig realisierbar. Beim Gutenachtbus kann sich jeder ohne spezifische Qualifikation engagieren. Von der Studentin über den Unternehmer bis hin zum Rentner sind Menschen jeden Alters hilfsbereit zur späten Stunde. Oder auch schon am Tag, denn Getränke und Speisen müssen vorbereitet, etwaige Spenden von den unterstützenden Läden abgeholt werden. Wer sich dafür interessiert, kann unkompliziert Kontakt aufnehmen, sich auf die Warteliste setzen lassen und wird zeitnah eingeladen. Doch auch, wer abends das Haus nicht verlassen mag kann Gutes zu tun: Der Gutenachtbus ist fortlaufend auf Geld- und vor allem Sachspenden angewiesen. Gerade im Winter sind warme Kleidung und Decken gefragt. Über die Homepage oder über Instagram wird regelmäßig über akuten Bedarf und Abgabezeitfenster informiert. Um die Mitarbeitenden zeitlich und logistisch nicht zu überlasten, ist es sehr hilfreich, sich vorab telefonisch oder über die Website zu informieren und anzumelden. Das ist auch eine gute Gelegenheit, um sich mit dem gesamten Thema vertraut zu machen und erste Kontakte zu knüpfen – so sind viele Helfende zum Nachtbus gekommen.
Niemand macht es für Anerkennung
Clara Hansen ist eine der vielen engagierten Mitarbeitenden beim Gutenachtbus und ist bereits seit fünf Jahren dabei. Sie hatte damals das Straßenmagazin „Fiftyfyifty“ gekauft, darin über das Nachtbus-Projekt gelesen und sich dann auf die Warteliste für Ehrenamtliche setzen lassen. Mittlerweile ist die Arbeit für Clara ein sinnstiftendes Lebenselement. Nach ihrem Lehramtsstudium hat sie sich der sozialen Arbeit verschrieben und arbeitet sowohl für die Nachtbus-Initiative als auch für die Notschlafstelle „Knackpunkt“ für junge obdachlose Frauen und wohnungslose Mädchen. „Man sieht hier einfach aktiv und direkt, was man bewirkt. Wenn wir beispielsweise eine Person sehen, die in der Kälte halt einfach keine Jacke o.Ä. trägt, dann hat sie durch uns jetzt eine Jacke, eine Decke und etwas zu essen, und ihr geht es unmittelbar besser. Wir begrenzen den Schaden der Leute sofort. Man baut eine Beziehung zu den Frauen auf, bietet ihnen einen Safe Space und ist Ansprechpartnerin. Unterm Strich fangen wir ein wenig von dem auf, mit dem die Frauen sonst alleine gelassen wären. Eines ist klar: Niemand hier macht diese Arbeit, um ein Dankeschön oder gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Man kann und will aktiv einen Beitrag für Notleidende leisten, um für sich selbst zu wissen: Ich tue etwas.“
Netzwerk an bereitwilligen Institutionen
So leidenschaftlich und zentral die Arbeit der Freiwilligen beim Gutenachtbus auch ist, die erfolgreiche Arbeit des Gutenachtbusses ist vor allem durch smarte, offene und ehrliche Netzwerkarbeit möglich geworden, die die großen Versorgungslücken verringert hat. Mittlerweile haben sich zahlreiche offizielle und inoffizielle Kooperationen ergeben. Eine feste Partnerschafte der Initiative besteht beispielsweise mit dem gemeinnützigen Straßenmagazin „Fiftyfifty“. Auch mit der Düsseldorfer Tafel oder der Organisation #TUES – Verändere Deine Stadt realisiert der Bus gemeinsame Projekte. Zudem erhält der Gutenachtbus Unterstützung von vielen verschiedenen Düsseldorfer Unternehmen, wie z. B. einige Düsseldorfer Hausbrauereien, die Suppen spenden, die Bäckerei Terbuyken und lokale Metzgereien, die Backwaren und Frikadellen zur Verfügung stellen, die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft aus Erkrath, die regelmäßig helfende Hände und Betriebe akquiriert. Auch Fortuna Düsseldorf verschenkt für jedes Heimspiel 40 Tickets, mit denen die Menschen sogar nach dem Spiel noch im Logenbereich des Stadions gemeinsam essen dürfen. Es ist eine gemeinschaftliche Arbeit nach dem Prinzip „von Düsseldorfern für Düsseldorfer“.
Es beginnt im Kleinen
Klar ist: Niemand wählt freiwillig oder aus einer Laune heraus den Weg in die Obdachlosigkeit. In Not, Armut, Wohnungslosigkeit und Bedürftigkeit geraten die Menschen durch herbe Schicksalsschläge, Krankheiten, Abhängigkeiten, Fluchterfahrungen, Traumata, Sucht und psychische Probleme. Es sind Ursachen, vor denen keine Politik, keine Impfung und keine Schule sicher schützen kann und gegen die niemand immun ist. Derzeit werden in Düsseldorf ungefähr 730 obdachlose Frauen und Männer gezählt, wobei eine hohe Dunkelziffer angenommen wird. Vorbehalte helfen niemandem. Möglicherweise kann man nicht jedem der Betroffenen zu einem neuen Leben verhelfen. Möglicherweise sind einige Schicksale ausweglos. Garantiert kann aber jeder etwas tun, um das Leid der Betroffenen zu lindern: sie nicht zu ignorieren, nicht abzuwerten, sondern als Mitmenschen zu erkennen und ihnen mit Würde zu begegnen. Vielleicht auch etwas zu geben, wenn man etwas übrig hat. Der Gutenachtbus ist dafür ein großartiges Vorbild.
gutenachtbus für Frauen
Einsatzorte
22.00–23.00 Uhr in der Altstadt: Grabbeplatz
23.15–00.15 Uhr: am Hauptbahnhof: Immermannhof 65
Einsatztage ganzjährig, jeden zweiten und letzten Mittwoch im Monat
Text/Fotos: Dennis Schiffer







